Zeitfresser Putzen – wenn Sauberkeit zum Zwang wird

Hand aufs Herz – die wenigsten von uns freuen sich aufs Putzen, wollen aber sehr wohl gerne in einem sauberen und aufgeräumten Zuhause leben. Das ist ein ewiges Dilemma mit dem manche ein Leben lang zu kämpfen haben. Die einen resignieren und ziehen ein Leben in Unordnung vor, die anderen beißen in den sauren Apfel und widmen einen Teil ihrer Freizeit und Energie dem Sauberhalten des Heims. Ich denke, beides hat seine Berechtigung – sofern man selbst und die Mitbewohner sich damit wohlfühlen und keine gesundheitlich bedenklichen Zustände entstehen.

Unser ganz persönliches Empfinden von Ordnung oder Unordnung bzw. Sauberkeit hängt davon ab, wie wir sozialisiert wurden. Bei den einen ging es lockerer zu, weil beide Eltern berufstätig und drei bis vier Geschwister da waren, andere haben bereits als Kind gelernt, Dinge aufzuräumen und sich am Haushalt zu beteiligen, in manchen Familien wurde es mit der Sauberkeit sehr streng genommen und sehr viel Wert darauf gelegt, nach außen hin perfekt zu wirken – das alles hat Einfluss darauf, was wir unter Ordnung und Sauberkeit verstehen und bei welchem Zustand unserer Umgebung wir uns am wohlsten fühlen.
Es gibt also keine allgemein gültige Definition davon, wie ein guter Haushalt oder eine Wohnung aussehen muss, um als wohnlich, behaglich, ordentlich und sauber zu gelten.
Es gibt auch keine Gesetze oder Vorschriften dazu, wie oft Staubgesaugt, der Boden gewischt oder die Fenster geputzt werden müssen.
In Zeiten der nie endenden Informationsflut aus dem „world wide web“, wird man jedoch ständig damit konfrontiert, was andere Leute tun, wie sie etwas tun oder welche Meinung sie zu etwas haben.
Man ist nur allzu leicht versucht, anderen nacheifern zu wollen, die behaupten, alles wäre so einfach zu schaffen oder man muss dies und das tun, sonst ist man dreckig oder unsauber oder würde sogar krank werden. Die nächsten meinen man müsse seine Putzmittel selbst herstellen, weil man sonst ein Umweltverschmutzer ist und Plastik darf man ja auch überhaupt nicht mehr benutzen.
Es gibt wirklich die wildesten Auswüchse an Behauptungen, Trends, Binsenweisheiten und Halbwahrheiten in diversen Foren und Gruppen sozialer Netzwerke.

Auf YouTube kann man sich sogar stundenlang ansehen, wie andere Leute putzen und wie deren (angeblich) tägliche Putzroutine aussieht. Ich gebe zu, dass ich diese Art von Videos hin und wieder konsumiere und zwar aus einem guten Grund. Sie motivieren mich tatsächlich, wenn ich mich mal so überhaupt nicht dazu aufraffen kann, das Bad zu putzen oder die Fenster oder was auch immer. Es sieht nämlich irgendwie immer so schön leicht aus, wenn gut gestylte Damen im Zeitraffer in einem halben Stunde ihr gesamtes Haus auf Hochglanz wienern. Das ist quasi mein persönlicher Trick, um mein Gehirn zu überlisten – und es funktioniert!
Natürlich weiß ich, dass der Dreh eines solchen Putzvideos wahrscheinlich einen kompletten Tag gedauert hat. Trotzdem fällt es mir danach leichter, eine halbe Stunde lang mein Bad zu putzen.

Was man jedoch dabei immer bedenken muss – das ist definitiv nicht die Realität. Die Youtuber zeigen uns ein Idealbild. Es handelt sich dabei auch meist nicht um berufstätige Personen, sondern um Leute, die mit genau diesen Videos ihr Geld verdienen.
Wenn mir also eine der Damen (ich habe bisher nur Putzvideos von Frauen gefunden) weismachen will, dass es ganz normal ist, jeden Tag sämtliche Bäder und Böden zu putzen, locker mal nebenbei die Wäsche zu machen, überall abzustauben und zwischendurch noch Essen zu kochen, kann ich nur müde lächeln. Das einzige was mir dazu einfällt ist:

WAS FÜR EINE SINNLOSE ZEITVERSCHWENDUNG!

Ein Fußboden auf dem ein paar Krümel liegen, ist nicht gleich dreckig! Da nimmt man schnell den Handsauger oder einen Handfeger und macht die Krümel weg. Deshalb muss man doch nicht täglich saugen und wischen.
Auch Staub dürfte es nach einem Tag nicht viel zum wegwischen geben, wenn man nicht gerade neben einer Zementfabrik oder einem Steinbruch wohnt.

In den Medien tauchen immer wieder Berichte darüber auf, wieviele Mikroben, Bakterien oder Keime sich auf alltäglichen Gegenständen, auf Lichtschaltern, Türlinken und unter der Klobrille befinden. Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert und fangen an, sich vor sich selbst und ihrem Zuhause zu ekeln.
Da werden schonmal die Handtücher nach JEDER Benutzung in die Wäsche gegeben oder die Bettwäsche täglich gewechselt. Kein Scherz!
Selbst in einem kleinen Zwei-Personen-Haushalt würde dieses Procedere dazu führen, dass täglich die Waschmaschine läuft (natürlich bei mindestens 60 Grad, wegen der Keime). Was für eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen und was für eine Belastung für die Umwelt das ist, wird von den betreffenden Hygiene-Fanatikern kaum bedacht.
Auch die ausschweifende Verwendung von Reinigungsmitteln, die „99,9 Prozent aller Bakterien und Viren vernichten“ oder anderer extrem schädlicher Putzsubstanzen wird im Namen der Hygiene gebilligt.
…Ach ja und nicht zu vergessen – bloß keine Putzlappen verwenden! Das ist ja widerlich – diese ganzen Bakterien, die man damit verteilt. Nein! Besser man nimmt Papierküchentücher oder gleich diese feuchten Reinigungstücher. Die wirft man dann einfach in den Müll und fertig. Denn… Putzlappen in der Waschmaschine waschen ist ja auch abstoßend – da werden die ganzen Keime noch auf die Maschine und dann auf die restliche Wäsche übertragen…. (Ironie off).

Bitte, bitte, bitte… tut euch das nicht an! Lasst euch nicht von Leuten weismachen, dass es bei euch unhygienisch oder dreckig sei, die selbst ganz offensichtlich das Putzen und Ordnung machen als Ersatzhandlung für fehlende Interessen, fehlende Beziehungen, fehlende Wärme, fehlendes Selbstwertgefühl oder was auch immer betreiben.

Findet heraus, welches der Zustand ist, bei dem ihr und eure Familie sich am wohlsten fühlen. Seid dabei ganz ehrlich zu euch.
Auch wenn ihr im Chaos lebt und euch vielleicht mit Sprüchen wie: „ein Genie beherrscht das Chaos“ oder „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen“ eine Weile einreden könnt, dass es euer Idealzustand ist, so fühlt doch mal ganz in Ruhe in euch hinein und überprüft diese Haltung.
Überlegt, wie es euch besser gefallen würde, wie ihr Dinge schneller finden könntet, wie gut es riechen würde und wie gemütlich es sein könnte. Dann beginnt damit, einmal diesen Idealzustand herzustellen.
Dieser ist dann euer Leitfaden. Das Ziel all eurer Hausarbeit sollte sein, diesen Zustand beizubehalten. Und wenn sich euer Idealzustand nunmal von dem eurer Freundin oder eurer Schwiegermutter unterscheidet, dann lasst euch davon nicht verunsichern. Es geht um euer Leben, um eure Zeit und Energie.

Ordnung und Sauberkeit sind wichtig aber sie sind eben NICHT das Wichtigste! Wenn Putzen, Aufräumen und Ausmisten mehrere Stunden eurer täglichen Zeit einnehmen und eure Gedanken ständig darum kreisen, solltet ihr dringend eure Prioritäten überprüfen.
Es kann helfen, sich einen sinnvollen Haushaltsplan zu erstellen, der sich an eurem ganz persönlichen Idealzustand orientiert. Wie man das am besten macht, werde ich in einem der nächsten Beiträge besprechen.

Hier noch ein kleines Abschlusszitat zum Thema „ekelhafte Keime“:

„Unser Immunsystem trainiert von klein auf den Umgang mit Keimen“. … Dabei lernt es zu unterscheiden zwischen harmlosen Keimen, die dem Körper nützen und anderen, die bekämpft werden müssen. Je mehr Auswahl, desto besser. Wenn aber alles fast keimfrei ist, ist die Gefahr groß, dass sich das Immunsystem auf alles stürzt, was sich bewegt.“

Dr. med Frithjof Blessing, Klinikum Singen

Ein Gedanke zu “Zeitfresser Putzen – wenn Sauberkeit zum Zwang wird

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