Wissen kommt nicht von allein – wohin Bildung im Alltag uns führen kann

Sind Schule, Ausbildung oder Studium abgeschlossen, hat man erstmal das Gefühl, dass es jetzt wirklich genug ist mit dem Lernen. Jetzt will man sein Wissen im Leben und im Job anwenden und nichts mehr zu tun haben mit Prüfungen und der zeitraubenden Vorbereitung darauf. 

Auch ich glaubte einst, als junge Berufsanfängerin, dass jetzt endlich Schluss sei mit dem Lernen. Eine Zeitlang war das auch so (von der üblichen Einarbeitung mal abgesehen). Ich konnte meinen Job problemlos ausfüllen und war den Anforderungen gewachsen.

Meine Freizeit füllte ich mit entspannter Unterhaltung, sportlicher Betätigung, Freunden und Familie. Ich hatte das Gefühl, etwas aus meinem Leben gemacht zu haben, eigenes Geld zu verdienen und damit genau das zu tun, was ich will. 
Doch in Wirklichkeit tat ich nichts. Mein Leben drehte sich um meinen Job und die Erholung von diesem, durch möglichst vielfältiges Nichtstun. 

Ich betrachte übrigens auch das Führen des Haushalts, das Einkaufen von Lebensmitteln und deren Zubereitung als vielfältiges Nichtstun. Ich höre schon einen vielfachen Aufschrei aus der Ferne auf mich zurollen aber lassen Sie mich erklären, wie ich das meine. 

Wenn man im Leben etwas erreichen will, dass über das bloße Dasein als Berufstäige/r, Elternteil, Familienmitglied, Partner/in oder Freund/in hinaus geht, muss man sich mit Dingen beschäftigen, die einen auch dorthin führen, wo man hin will. 

Freunde treffen, Fernsehen, Zocken, Kochen, Putzen und Einkaufen gehören nicht dazu. Sie sind „Nichtstun“ im Sinne von – wir entwickeln uns durch sie nicht weiter, sondern halten höchstens einen Status quo aufrecht. 
Das ist natürlich kein Problem, wenn man gar nicht das Bedürfnis verspürt, sich zu entwickeln oder jemals etwas an seinem Ist-Zustand ändern zu wollen. 

Doch sobald man das Gefühl hat, dass etwas im Leben fehlt, dass man sich immer nur im Kreis dreht und seinen Alltag als unbefriedigend empfindet, sollte man sich Gedanken darüber machen, ob man seine Zeit nicht zu oft mit Dingen verbringt, die einen nirgendwo hinführen. 

Um etwas zu schaffen, dass über die Normalität hinausgeht, unseren Alltag bereichert und unser Leben mit Sinn erfüllt, muss man seinen Horizont erweitern und zwar ständig. 
Es ist das Wissen, dass uns auf neue Wege führt und uns Türen in neue Welten öffnet. 

Damit wären wir wieder am Anfang. Wir alle kennen die Antwort auf die Frage, was man tun muss, um neues Wissen zu erwerben und zu behalten. Sie lautet: Lernen! 

Das klingt jetzt trockener und langweiliger als es ist. Ich rede nämlich nicht vom sturen Pauken und Auswendiglernen von Themen die uns nicht interessieren. Worum es hier geht, ist die Bildung im Alltag. 

Was wissen wir überhaupt?

In unserem digitalisierten Zeitalter sind wir ständig von Informationen umgeben. Wir erhalten fast schon in Echtzeit die neuesten Meldungen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport – und zwar aus der ganzen Welt. 

Doch nur die wenigsten können all diese Informationen korrekt einordnen. Natürlich versucht man das mit Hilfe des Wissens, das einem bereits zur Verfügung steht. Doch wenn dieses Wissen veraltet oder einfach nicht umfangreich genug ist, kommen dabei oft falsche bzw. unpräzise Annahmen oder lückenhaftes Gesamtbild heraus.

Hierzu eine kleine Beispielfrage, die Sie für sich selbst beantworten können. Die Lösung folgt später:

In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung: 
a) nahezu verdoppelt
b) nicht oder nur unwesentlich verändert
c) deutlich mehr als halbiert

Quelle: Factfulness , H. Rosling

Wir greifen bei der Beantwortung solcher Fragen auf unser gespeichertes Wissen zurück, auf Informationen, die wir in der Presse lesen oder in den Nachrichten hören, auf das Weltbild, das wir uns auf Basis unserer gespeicherten Informationen zurechtgelegt haben. 

antikes Buch


Doch um wirklich richtig zu liegen, müssen wir dafür sorgen, dass unser Wissensspeicher immer wieder neu gefüllt und aktualisiert wird. Oder würden Sie bei einer Frage zu Möglichkeiten der Krebstherapie ein medizinisches Fachbuch aus dem Jahre 1835 konsultieren? 

Alltagswissen

Was kann man also tun, um sich ein solides „Alltagswissen“ anzueignen, es möglichst aktuell zu halten und anwendbar zu machen? Letzteres bedeutet, dass man auf Grund vorhandenen Wissens Zusammenhänge zwischen Informationen herstellen und die richtigen Schlüsse ziehen kann. 

1. Interessieren und Informieren

Ja, natürlich sollte man sich zunächst mal für irgendetwas interessieren. Nicht jeder Mensch mag Politik, Wirtschaft oder Sport und liest somit voller Enthusiasmus jeden Tag Zeitung. 

Doch man kann solche, für einen selbst scheinbar uninteressanten Informationen, durchaus dafür nutzen, sich in Themengebiete zu begeben, die von Interesse sind. 

Ein Beispiel: 

Sie lesen in der Zeitung oder auf einem Online-Nachrichtenportal, dass drei Herren für den Parteivorsitz der Partei X kandidieren. Da Sie sich nicht für Politik interessieren, kennen Sie diese Personen nicht – höchstens oberflächlich durch beiläufig aufgeschnappte Nachrichten. Doch fällt Ihnen noch etwas an dieser Nachricht auf? 

Warum sind es eigentlich nur Männer, die sich für den Vorsitz bewerben? Gibt es keine dafür geeigneten Frauen? Wie Sieht es denn mit der Geschlechterverteilung in dieser Partei aus? Sind die Männer in der Überzahl oder nicht? Woran könnte das liegen?

Diese eine Meldung kann durchaus ein völlig anderes Interessengebiet in ihnen ansprechen, nämlich Soziologie, Feminismus oder Gender Studies (Geschlechterforschung).

Was ich damit sagen will: 

Jede Information, auch wenn Sie scheinbar nicht von Interesse für Sie ist, kann Ihnen einen Mehrwert bringen, wenn Sie sie hinterfragen.

Sie können also bisher unentdeckte Interessen in sich wecken, wenn Sie vielfältigen Informationen Beachtung schenken, sie in Frage stellen und aus einer anderen Richtung betrachten. So etwas dauert gar nicht lange. Mit ein bisschen Übung kann man innerhalb von Sekunden entscheiden, ob eine Information von Interesse ist und einen Mehrwert bietet, indem sie bei Ihnen Fragen aufwirft oder nicht.

Doch wählen Sie bitte die von Ihnen konsumierten Informationen, Nachrichten und Berichterstattungen bewusst aus. Morgens die Schlagzeilen der BILD zu lesen, kann durchaus zum Nachdenken anregen. Leider sind diese jedoch generell so formuliert, dass sie die Meinung der Leser bereits in eine bestimmte Richtung lenken. 
Besser ist es, sich auf möglichst neutrale und nicht vorab wertende Berichterstattungen zu verlassen. 

2. Hinterfragen und Nachforschen

Wenn Sie Informationen und Meldungen hinterfragen, brauchen Sie natürlich auch Antworten. Also machen Sie sich auf die Suche. Doch prüfen Sie auch hier zuerst, ob Ihnen die Antworten einen Mehrwert bringen würden. Es macht keinen Sinn, jeden Tag stundenlang im Netz zu surfen und sich mit Infos über alles Mögliche vollzustopfen. Da bleibt wahrscheinlich nicht viel hängen. 

Selektieren Sie also die Dinge, die Sie am meisten interessieren und beginnen Sie mit Ihren Nachforschungen. Gehen Sie dabei auch mal ungewöhnliche Wege und suchen zum Beispiel nach wissenschaftlichen Texten zu einem Thema. Trauen Sie sich, diese zu lesen. Es ist nicht so schwer, wie Sie vielleicht denken. 

Aber das Internet sollte auf keinen Fall Ihre einzige Quelle sein, denn hier ist es sehr schwer, zwischen falsch und richtig, qualitativ gut und schlecht, seriös und unseriös zu unterscheiden. 

Ihr nächster Schritt führt Sie also zum Buch. Melden Sie sich in der nächstgelegenen öffentlichen Bibliothek an und lesen sie los. Lesen Sie Sachbücher, Fachbücher und Fachzeitschriften auf der Suche nach ihren Antworten.

3. Entdecken und Verstehen

Irgendwann werden Sie feststellen, dass Sie verdammt viel wissen. Sie werden Nachrichten plötzlich ganz anders aufnehmen und bewerten und sich nicht so leicht durch reißerische Meldungen beeindrucken lassen. 
Jetzt verstehen Sie die Zusammenhänge oder wissen zumindest, welche es gibt und welche Informationen Sie noch brauchen könnten, um ihre Fragen zu beantworten. 
Natürlich ist dieses Verständnis nicht allumfassend – dazu müssten Sie wohl ein Genie sein. Aber sie haben vielleicht Ihre Nische entdeckt, den Bereich in unserer Welt, der Sie wirklich interessiert. 

Möglicherweise regt sich nun auch eine Stimme in Ihnen, die feststellt, dass Sie bisher in Ihrem Beruf oder in Ihrem Leben eigentlich nicht das gemacht haben, was Sie wirklich wollen bzw. interessiert. 

4. Ein neues Ziel

Ja, so schnell kann es gehen. Fragen stellen und nach Antworten suchen, Wissen erwerben und Neues entdecken – das kann unser Leben ganz schön auf den Kopf stellen. 

Wir haben plötzlich neue Ideen und Pläne und wissen, welche Dinge wir sehen, erleben und lernen möchten. 

Es kann sein, dass Sie sich wieder voller Energie und Tatendrang fühlen und unbedingt etwas tun wollen. Nur zu! Wagen Sie sich in unbekannte Gefilde und stellen Sie sich vor, was Sie mit Ihrem Wissen und Ihren Ideen anfangen könnten. 

Wenn Sie eine konkrete Vorstellung haben, können Sie sich ein Ziel setzten und dann damit beginnen Pläne zu machen. 

Klingt das nicht aufregend? Ja, das ist das Problem mit dem Wissen. Wenn man es erstmal hat, will man immer mehr davon und man erkennt plötzlich, dass es noch mehr im Leben gibt als nur Job und Alltag. 

Jetzt ist es soweit! Sie sind dabei, sich weiterzuentwickeln und beginnen damit, Kompetenzen zu erwerben und sich auf ein Ziel zu konzentrieren. Ich wünsche Ihnen ganz viel Spaß dabei. 

Die Antwort

Ich schulde Ihnen noch die Antwort zu der Frage oben im Text. Richtig ist Antwort c – Der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung hat sich in den letzten zwanzig Jahren deutlich mehr als halbiert. Hätten Sie’s gedacht?

Link zum Ullstein Verlag


Wenn Sie mehr über solche Fragen und Antworten wissen und lernen wollen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, empfehle ich Ihnen das Buch „Factfullness“ von Hans Rosling.  

Erschienen im Ullstein Verlag am 30.08.2019
ISBN-10 : 3548060412
16,00 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.