Operation stressfrei leben: Perfektionismus ist keine positive Eigenschaft – es ist eine ungesunde

„Ach lass mal, das mache ich lieber selbst.“ – kennt ihr das? Gibt es Situationen, in denen man es euch nicht recht machen kann und ihr die Dinge lieber selbst in die Hand nehmt, auch wenn ihr eigentlich keine Zeit dafür hättet?

Dahinter steckt eine Form von Perfektionismus. Viele kennen das und so lange es bei wenigen Dingen bleibt, die dieser Perfektionismus betrifft und ihr euch davon weder gestresst noch überfordert fühlt, dann ist das auch absolut unproblematisch.

Ungesunder Perfektionismus

Doch es gibt auch eine andere Art von Perfektionismus. Es handelt sich dabei um ein übersteigertes Streben nach Vollkommenheit, dass sich über sämtliche Lebensbereiche erstreckt. Diese ungesunde Art des Perfektionismus kann man an den folgenden Punkten erkennen:

  • exzessives Kontrollieren:
    Alles wird mehrfach geprüft, bevor es als fertig betrachtet werden kann, auch andere Personen sowie deren Arbeit werden stark kontrolliert.
  • Unfähigkeit zu Delegieren:
    Das Vertrauen in die Fähigkeiten anderer existiert quasi nicht oder ist nur rudimentär vorhanden. Niemand kann es einem Perfektionisten recht machen. Somit tut er sich sehr schwer, Dinge zu delegieren und wenn doch, setzt dann die oben erwähnte Kontrollsucht ein.
  • Übermäßiges Planen:
    Es wird versucht, alles bis ins kleinste Detail zu planen und jede Eventualität vorherzusehen. Jedes vergessene Detail oder jedes unvorhergesehene Ereignis wird als persönliche Niederlage empfunden.
  • Hinauszögern von Entscheidungen:
    Entscheidungen zu treffen, fällt dem Perfektionisten extrem schwer, da er immer Angst hat, etwas nicht bedacht zu haben und einen Fehler zu machen. Generell ist die Angst vor Fehlern unverhältnismäßig groß.
  • Unfähigkeit zur Entspannung:
    Der Perfektionist kann sich nie entspannen, denn es gibt immer etwas, dass er noch besser machen könnte (in seinen eigenen Augen) oder dass er planen und kontrollieren müsste.

Auswirkungen des ungesunden Perfektionismus

Diese Verhaltensweisen führen dazu, dass die Betroffenen ständig unter einem (selbst erzeugten) hohen Leistungsdruck stehen. Die Ansprüche an sich selbst, die Arbeit oder andere sind derart hoch, dass ihnen auch mit den größten Anstrengungen nicht genüge getan werden kann.

Das führt zu einem hohen Leidensdruck bei den betroffenen Personen, denn sie können weder mit der Arbeit jemals wirklich aufhören, noch ihre eigenen Leistungen und Erfolge wirklich genießen. Die Folgen davon sind:

  • chronischer Stress/Überforderung
  • psychischer Druck
  • Schlafstörungen
  • Verspannungen
  • Kopfschmerzen
  • … und viele weitere ernsthafte Erkrankungen, die durch einen permanent hohen ungesunden Stress ausgelöst werden können.

Auswirkungen auf andere Personen

Auch auf andere hat der Perfektionismus einer Person negative Auswirkungen. So haben es Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und unterstellt Mitarbeiter extrem schwer, den hohen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, gerecht zu werden.
Da Perfektionisten sich bzw. ihre Art, Aufgaben zu erledigen, als das Maß aller Dinge betrachten, haben sie an der Arbeit anderer fast immer etwas auszusetzen.
Sie verlangen von anderen die gleiche Motivation, den gleichen Enthusiasmus und die gleiche Detailverliebtheit, die sie bei sich selbst verspüren. Dadurch setzen sie auch andere unter Druck und lösen durch nicht erfüllbare Ansprüche Unzufriedenheit und Ärger aus.

Ursachen für ungesunden Perfektionismus

Menschen, die einen ungesunden Perfektionismus ausgebildet haben, sind nicht böse oder hinterhältig und wollen auch nicht absichtlich andere Menschen gängeln. Das Problem liegt in ihrer eigenen Angst vor dem Versagen und vor daraus resultierender Ablehnung.

Wahrscheinlich haben sie in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass sie mehr gemocht werden, wenn sie etwas gut machen. Sicher hat jeder von uns auch solche Erfahrungen in seiner Kindheit gemacht aber es kommt dabei auch auf die Häufigkeit und die Intensität der Erfahrung an und natürlich darauf, von wem das Feedback ausging.
Es ist ein Unterschied, ob die Eltern einen mit Missachtung strafen oder das Geschwisterkind bevorzugen, wenn man etwas nicht gut genug gemacht hat oder ob es ein Lehrer/eine Lehrerin ist.

Das Selbstwertgefühl leidet sehr unter solchen Erfahrungen und die Betroffenen versuchen es aufzuwerten, indem sie möglichst alles perfekt machen und Fehler um jeden Preis zu vermeiden versuchen. Sie sind der Meinung, dass Fehler ein persönlicher Makel sind und sie von anderen abgelehnt werden, wenn sie nicht perfekt sind.

Das ist natürlich nicht so und vermutlich wissen die Betroffenen das auch auf einer rationalen Ebene. Aber diese tief sitzenden Glaubenssätze können sie trotzdem nicht einfach ablegen.

Strategien gegen ungesunden Perfektionismus

Was kann man also tun, wenn man an sich selbst diese Züge festgestellt hat und davon belastet wird?

Je nachdem, wie stark das Problem ausgeprägt ist und wie sehr es einen schon seelisch und körperlich belastet, sollte man in Erwägung ziehen, sich in eine Therapie zu begeben oder ein entsprechendes Coaching in Anspruch zu nehmen.

Wer sich aber selbst schon eingehender mit dem Gefühl des mangelnden Selbstwertes beschäftigt – es also auch erkannt hat und daran arbeitet, kann es mit folgenden Maßnahmen versuchen:

  • sich selbst und seine eigene Unvollkommenheit annehmen und seine Schwächen akzeptieren
  • sich Fehler eingestehen und erlauben
  • sich nicht mit anderen vergleichen
  • sich auf den Fortschritt und die eigene Entwicklung konzentrieren, statt auf ein perfektes Ergebnis
  • seine Ziele und Erwartungen überprüfen und neu (insbesondere realistisch) ausrichten
  • mit Kritik umgehen lernen (denn es gibt sie immer – egal ob perfekt oder nicht)
  • Hilfe annehmen und delegieren lernen
  • eigene Ansprüche nicht als das Maß aller Dinge betrachten
  • sich regelmäßige Erholungszeiten nehmen und dann auch wirklich entspannen

Am besten schreibt ihr euch diese Dinge in ein Notizbuch und lest euch die Punkte jeden Morgen und jeden Abend laut vor. Auf diese Weise prägen sie sich in euer Gedächtnis ein und bleiben auch präsent, wenn ihr gerade wieder in perfektionistische Verhaltensweisen hineinrutscht.

Ebenfalls zu empfehlen ist die tägliche Meditation. Eine Mediation dient dazu, seinen Kopf von jeglichen Gedanken zu befreien und die ständig darin quatschende Stimme für eine Weile komplett zum Schweigen zu bringen. Wenn man das geschafft hat, kann man sich die oben stehenden Punkte ins Gedächtnis rufen und immer wieder in Gedanken wiederholen. So etwas nennt man Affirmation. Über einen längeren Zeitraum konsequent praktiziert, führen Affirmationen dazu, dass unser Unterbewusstsein diese als wahr und als Tatsache akzeptiert.

Auch wenn es anfangs nicht so recht funktionieren mag, die ewige Stimme im Kopf und alle Gedanken zum Schweigen zu bringen und auch wenn ihr es albern findet, euch jeden Tag immer die gleichen Affirmationen laut oder in Gedanken vorzusagen, probiert es aus und bleibt dran. Die Wirkung setzt natürlich nicht sofort ein, sondern braucht, je nachdem wie konsequent ihr übt, einige Wochen, um sich bemerkbar zu machen.

Ihr könnt euch auch jeden Tag einen der oben genannten Punkte auf einen Zettel schreiben und euch genau auf diesen konzentrieren und versuchen, ihn den ganzen Tag lang umzusetzen. Wenn ihr die Liste durch habt, beginnt einfach von vorne. Klebt euch den Zettel gut sichtbar irgendwo hin, wo ihr ihn zwangsläufig ständig oder häufig sehen könnt.

Ich hoffe, die Erkenntnisse aus diesem Artikel und die hier aufgeführten möglichen Maßnahmen, helfen dabei, euer Leben in Zukunft stressfreier zu gestalten, indem ihr euch von ungesundem Perfektionismus verabschiedet.

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